X-Erfahrung

Was wir als religiöse Haltung bezeichnen, ist ein X, welches sich nur in poetischen und visuellen Symbolen ausdrücken lässt. Diese X-Erfahrung hat man in mannigfachen Vorstellungen ausgedrückt, die sich je nach der gesellschaftlichen Organisation der jeweiligen kulturellen Epoche voneinander unterscheiden. Im Nahen Osten fand dieses X seinen Ausdruck in der Vorstellung von einem höchsten Stammeshäuptling oder König, und so wurde „Gott“ zum höchsten Begriff des Judentums, des Christentums und des Islam, die in den Gesellschaftsstrukturen dieses Kulturraums wurzelten. In Indien konnte der Buddhismus das X in anderen Formen ausdrücken, so dass hier keine Vorstellung von Gott als dem obersten Herrscher notwendig war. ― (1966a: Ihr werdet sein wie Gott. Eine radikale Interpretation des Alten Testaments und seiner Tradition, in: Erich-Fromm-Gesamtausgabe (GA) Band VI, S. 220.)


Noch spezieller kann man die X-Einstellung auch folgendermaßen beschreiben: als ein Loslassen des eigenen „Ich“, der eigenen Gier und damit der eigenen Angst, als das Aufgeben des Wunsches, sich an das „Ich“ zu klammern, als ob dieses ein unzerstörbares, separates Gebilde wäre; als ein Leerwerden, um sich mit „Welt“ füllen zu können, um auf sie zu reagieren, mit ihr eins zu werden, sie zu lieben. Leer werden ist kein Ausdruck von Passivität, sondern von Offenheit. Wenn man nicht leer werden kann, wie kann man dann auf die Welt reagieren? Wie kann man sehen, hören, fühlen, lieben, wenn man ganz vom eigenen Ich erfüllt ist, wenn man von Gier angetrieben wird? ― (1966a: Ihr werdet sein wie Gott. Eine radikale Interpretation des Alten Testaments und seiner Tradition, in: Erich-Fromm-Gesamtausgabe (GA) Band VI, S. 119.)

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