Vernunft

Vernunft ist die Fähigkeit, die Unwirklichkeit der meisten Ideen, welche der Mensch vertritt, zu erkennen und zu jener Realität durchzudringen, die hinter allen Schichten von Täuschungen und Ideologien verdeckt ist. ― (1962a: Jenseits der Illusionen. Die Bedeutung von Marx und Freud, in: Erich-Fromm-Gesamtausgabe (GA) Band IX, S. 155.)


Vernunft setzt immer voraus, dass wir auf das, worüber wir nachdenken, bezogen sind. Sind wir nicht bezogen, bleibt uns nichts anderes übrig, als mit der Wirklichkeit manipulativ umzugehen. Wir können sie dann wiegen und zählen und berechnen und Faktoren vergleichen. ― (1991e [1953]: Die Pathologie der Normalität des heutigen Menschen, in: Erich-Fromm-Gesamtausgabe (GA) Band XI, S. 253.)


Die Vernunft ist die Fähigkeit des Menschen, die Welt gedanklich zu begreifen, im Gegensatz zur Intelligenz, worunter die Fähigkeit zu verstehen ist, die Welt mit Hilfe des Verstandes zu manipulieren. Die Vernunft ist das Instrument, mit dessen Hilfe der Mensch zur Wahrheit gelangt, die Intelligenz ist das Instrument, das ihm hilft, die Welt erfolgreicher zu manipulieren; erstere ist ihrem Wesen nach menschlich; letztere gehört zum animalischen Teil des Menschen. ― Die Vernunft ist eine Fähigkeit, die man üben muss, um sie zu entwickeln, und sie ist unteilbar. Ich möchte damit sagen, dass die Fähigkeit zur Objektivität sich sowohl auf die Kenntnis der Natur, wie auch auf die Kenntnis des Menschen, der Gesellschaft und der eigenen Person bezieht. Wenn wir uns Illusionen in einem bestimmten Lebensbereich machen, so ist hierdurch unsere Fähigkeit zu vernünftigem Denken beschränkt und beeinträchtigt, und wir sind auch auf allen übrigen Gebieten im Gebrauch unserer Vernunft behindert. In dieser Hinsicht ist es mit der Vernunft wie mit der Liebe. Genauso wie die Liebe eine Orientierung ist, die sich auf alle Objekte bezieht und nicht auf ein bestimmtes Objekt beschränkt werden kann, so ist auch die Vernunft eine menschliche Fähigkeit, welche die gesamte Welt umfassen muss, der sich der Mensch gegenübergestellt sieht. ― (1955a: Wege aus einer kranken Gesellschaft, in: Erich-Fromm-Gesamtausgabe (GA) Band IV, S. 49.)

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