Übertragung

Es geht bei der Übertragung nicht einfach nur um eine Wiederholung; entscheidend ist vielmehr, dass es sich bei der Übertragung um ein Bedürfnis handelt, bei dem ein Mensch eines anderen Menschen bedarf, um dieses sein Bedürfnis zu befriedigen. Wenn ein Mensch sich zum Beispiel schwach und unsicher fühlt und Angst vor jedem Risiko und vor Entscheidungen hat, dann wird er Wege wissen, um bei Menschen Zuflucht zu finden, die sicher, entschieden und mächtig sind. Diese Suche währt ein ganzes Leben. Ein solcher Mensch wird sich einen entsprechenden Chef suchen oder einen Professor, wenn er Student ist, und so wird er auch seinen Psychoanalytiker sehen. Ein ganz und gar narzisstischer Mensch hingegen, der alle anderen als Idioten einschätzt, wenn sie ihn kritisieren, wird auch den Analytiker als einen Idioten ansehen, ebenso seinen Lehrer, Chef und alle anderen. Alle diese Phänomene sind Übertragungen, auch wenn wir diesem Phänomen nur innerhalb der Psychoanalyse die Bezeichnung „Übertragung“ geben. ― (1991d [1974]: Therapeutische Aspekte der Psychoanalyse, in: Erich-Fromm-Gesamtausgabe (GA) Band XII, S. 315.)


Meines Erachtens ist die „Übertragung“, wie wir sie aus der Psychoanalyse kennen, eine Erscheinungsweise des Götzendienstes: Der Mensch überträgt das Erlebnis seiner eigenen Tätigkeiten oder seiner eigenen Erfahrungen – seiner Liebeskraft, seiner Denkkraft – auf ein Objekt jenseits seiner selbst. Das Objekt kann ein Mensch sein oder auch ein Ding aus Holz oder Stein. Sobald der Mensch diese Übertragungsbeziehung hergestellt hat, tritt er mit sich selbst nur noch durch die Unterwerfung unter das Objekt, auf das er seine eigenen menschlichen Funktionen übertragen hat, in Beziehung. ― (1992 [1961]: Der moderne Mensch und seine Zukunft, in: Erich-Fromm-Gesamtausgabe (GA) Band XI, S. 278f.)

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