Tätigsein

Für Aristoteles ist „das oberste erreichbare Gut … ein Tätigsein der Seele im Sinne der ihr wesenhaften Tüchtigkeit“ (Nikomachische Ethik, I, 6). Deshalb kann die Kontemplation die höchste Form von Tätigkeit sein. „Freie“ und bewusste Tätigkeit bedeutet, dass der Betreffende auch der Autor seiner Tätigkeit ist, er also nicht auf Grund eines inneren oder äußeren Zwanges tätig ist. „Bewusste“ Tätigkeit bedeutet, dass das Subjekt weiß, was es tut und nicht von Kräften, die hinter seinem Rücken wirken, angetrieben wird. (…)

Die Dynamik der Natur des Menschen wurzelt in erster Linie in dem Bedürfnis des Menschen, seine Fähigkeiten der Welt gegenüber zum Ausdruck zu bringen, und nicht in seinem Bedürfnis, die Welt als Mittel zur Befriedigung seiner physiologischen Bedürfnisse zu gebrauchen. Marx sagt, weil ich Augen habe, habe ich das Bedürfnis zu sehen; weil ich Ohren habe, habe ich das Bedürfnis zu hören; weil ich ein Gehirn habe, habe ich das Bedürfnis zu denken; und weil ich ein Herz habe, habe ich das Bedürfnis zu fühlen. Kurzum: Weil ich ein Mensch bin, brauche ich den Menschen und die Welt. ― (1992s [1974]: Meister Eckhart und Karl Marx: Die reale Utopie der Orientierung am Sein, in: Erich-Fromm-Gesamtausgabe (GA) Band XII, S. 515f.)


Unter Tätigsein bzw. Aktivität verstehen wir nicht, dass jemand „irgend etwas tut“; es handelt sich vielmehr um das kreative Tätigsein, das sowohl im emotionalen, als auch im intellektuellen Bereich, sowohl im sinnlichen Bereich, als auch in dem des Willens wirkt. Voraussetzung für diese Spontaneität ist, dass man die Persönlichkeit in ihrer Totalität annimmt und die Spaltung zwischen „Vernunft“ und „Natur“ beseitigt; denn nur wenn der Mensch nicht wesentliche Teile seines Selbst verdrängt, nur wenn er sich selbst transparent wird und nur wenn er die verschiedenen Sphären seines Lebens grundsätzlich integriert hat, ist spontanes Tätigsein möglich. ― (1941a: Die Furcht vor der Freiheit, in: Erich-Fromm-Gesamtausgabe (GA) Band I, S. 368.)

Share