Struktur, libidinöse; libidinöse Struktur

Jede Gesellschaft hat, so wie sie eine bestimmte ökonomische und eine soziale, politische und geistige Struktur hat, auch eine ihr ganz spezifische libidinöse Struktur. Die libidinöse Struktur ist das Produkt der Einwirkung der sozial-ökonomischen Bedingungen auf die Triebtendenzen, und sie ist ihrerseits ein wichtiges bestimmendes Moment für die Gefühlsbindung innerhalb der verschiedenen Schichten der Gesellschaft wie auch für die Beschaffenheit des „ideologischen Überbaus“. Die libidinöse Struktur einer Gesellschaft ist das Medium, in dem sich die Einwirkung der Ökonomie auf die eigentlich menschlichen, seelisch-geistigen Erscheinungen vollzieht. Selbstverständlich bleibt die libidinöse Struktur einer Gesellschaft sowenig konstant wie ihre ökonomische und soziale. Sie hat aber eine relative Konstanz, solange die Gesellschaftsstruktur in einem gewissen Gleichgewicht ist (…).

Was ich hier, in Freudscher Terminologie, die ‘libidinöse Struktur’ einer Gesellschaft genannt habe, habe ich später als ‘Gesellschafts-Charakter’ (social character) bezeichnet. Trotz meiner Abkehr von der Libidotheorie sind die Vorstellungen, die ich mit dem Begriff ‘libidinöse Struktur’ und ‘Gesellschafts-Charakter’ verbinde, die gleichen.“ ― (1932a: Über Methode und Aufgabe einer Analytischen Sozialpsychologie: Bemerkungen über Psychoanalyse und historischen Materialismus, in: Erich-Fromm-Gesamtausgabe (GA) Band I, S. 56 und 398.)

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