Sentimentalität

Für mich gilt: Sentimentalität ist Gefühl unter der Voraussetzung völliger Distanziertheit. Jeder Mensch fühlt, es sei denn, er wäre psychisch sehr schwer erkrankt. Wenn er aber distanziert, zurückgezogen, unbezogen ist (…), dann ergibt sich für die Gefühle eine sehr eigenartige Situation. Man fühlt zwar, aber man ist nicht wirklich und konkret auf etwas in der Realität bezogen. Eben dann ist man sentimental. Die Gefühle quellen über und treten irgendwo in Erscheinung. ― (1991e [1953]: Die Pathologie der Normalität des heutigen Menschen, in: Erich-Fromm-Gesamtausgabe (GA) Band XI, S. 247.)


Eine andere Form der Pseudoliebe könnte man als sentimentale Liebe bezeichnen. Das Wesentliche dabei ist, dass die Liebe nur in der Phantasie und nicht im Hier und Jetzt in einer Beziehung mit einem realen anderen Menschen erlebt wird. Die am weitesten verbreitete Form dieser Art Liebe findet man in der Ersatzbefriedigung, die der Konsument von Liebesfilmen, von Liebesgeschichten in Zeitschriften und von Liebesliedern erlebt. Alle unerfüllten Sehnsüchte nach Liebe, Vereinigung und menschlicher Nähe finden im Konsum dieser Produkte ihre Befriedigung. ― (1956a: Die Kunst des Liebens, in: Erich-Fromm-Gesamtausgabe (GA) Band IX, S. 499.)

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