Selbstanalyse

Für mich ist die Selbstanalyse das andauernde aktive Gewahrsein seiner selbst während des ganzen Lebens. Sie dient dem wachsenden Gewahrwerden des eigenen Selbst, der eigenen unbewussten Motivationen, von allem, was in der eigenen Seele bedeutsam ist. Mit der Selbstanalyse kann man sich seiner Ziele, seiner Widersprüche und seiner Unstimmigkeiten gewahr werden. (…) Sie zeigt ihre Wirkung allerdings nur dann, wenn sie mit großer Ernsthaftigkeit praktiziert wird und wenn man ihr die Wichtigkeit gibt, die ihr zusteht. ― (1991d [1974]: Therapeutische Aspekte der Psychoanalyse, in: Erich-Fromm-Gesamtausgabe (GA) Band XII, S. 362f.)


Die Fähigkeit zu sehen, ist unteilbar. Dies gilt auch für die Selbstanalyse: Sie zielt ebenso auf das Gewahrwerden der Wirklichkeit anderer Menschen wie des sozialen und politischen Lebens. (…) Häufig beobachten wir unbewusste Strebungen erst in anderen, bevor wir lernen, diese in uns selbst wahrzunehmen. Wir müssen das Verborgene in anderen wahrnehmen, denn was sich in uns selbst abspielt, ist nicht nur innerpsychisch, so dass es nur verstanden werden kann, wenn wir unsere eigenen vier Wände erforschen; was sich in uns selbst abspielt, ist immer auch zwischenmenschlich; es besteht deshalb schon immer ein Netz von Beziehungen zwischen mir und anderen. Ich kann mich selbst nur in dem Maße ganz erkennen, wie ich mich in meiner Beziehung zu anderen und in deren Beziehung zu mir begreife. ― (1989a [1974-75]: Vom Haben zum Sein. Wege und Irrwege der Selbsterfahrung, Erich-Fromm-Gesamtausgabe (GA) Band XII, S. 449.)

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