Sadismus

Die sadistische Beherrschung des anderen ist dadurch gekennzeichnet, dass der Sadist sein Objekt zu einem willenlosen Werkzeug in seinen Händen macht, während die nicht-sadistische Freude am Einfluss auf andere deren Integrität respektiert und sich auf ein Gefühl der Gleichheit gründet. ― (1941a: Die Furcht vor der Freiheit, in: Erich-Fromm-Gesamtausgabe (GA) Band I, S. 309, Anm. 2.)


Der Kern des Sadismus, der allen seinen Manifestationen gemeinsam ist, ist die Leidenschaft, absolute und uneingeschränkte Herrschaft über ein lebendes Wesen auszuüben, ob es sich nun um ein Tier, ein Kind, einen Mann oder eine Frau handelt. Jemand zu zwingen, Schmerz oder Demütigung zu erdulden, ohne sich dagegen wehren zu können, ist eine der Manifestationen absoluter Herrschaft, wenn auch keineswegs die einzige. Wer ein anderes lebendes Wesen völlig beherrscht, macht dieses Wesen zu einem Ding, zu seinem Eigentum, während er selbst zum Gott dieses Wesens wird. ― (1973a: Anatomie der menschlichen Destruktivität, in: Erich-Fromm-Gesamtausgabe (GA) Band VII, S. 262.)


Kriegsgefangene, Sklaven, besiegte Feinde, Kinder, Kranke (besonders Geisteskranke), Insassen von Gefängnissen, wehrlose Farbige, Hunde – sie alle sind Gegenstand des körperlichen Sadismus gewesen, oft auch die grausamsten Folterungen einschließend. Von den grausamen Schauspielen in Rom bis zu den Praktiken moderner Polizeieinheiten sind Folterungen immer wieder unter dem Deckmantel religiöser oder politischer Ziele angewandt worden. (…) ― Die seelische Grausamkeit, der Wunsch, einen anderen Menschen zu demütigen und seine Gefühle zu verletzen, dürfte noch weiter verbreitet sein als der körperliche Sadismus. Diese Art des sadistischen Agierens ist für den Sadisten viel weniger riskant; schließlich kommen dabei ja keine physische Gewalt, sondern „nur“ Worte zur Anwendung. Andererseits kann aber das so erzeugte seelische Leiden ebenso intensiv oder noch intensiver sein als das körperliche. (…) Der seelische Sadismus kann sich auf viele, scheinbar harmlose Weisen tarnen; eine Frage, ein Lächeln, eine Bemerkung, die den anderen verwirrt. ― (1973a: Anatomie der menschlichen Destruktivität, in: Erich-Fromm-Gesamtausgabe (GA) Band VII, S. 257f.)

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