Ritual

Ob wir an das griechische Drama, an das mittelalterliche Mysterienspiel oder an einen indischen Tanz, an die hinduistischen, jüdischen oder christlichen Rituale denken, stets haben wir es mit verschiedenen Formen der Dramatisierung fundamentaler Probleme der menschlichen Existenz zu tun, bei der die gleichen Probleme ausagiert werden, die in der Philosophie und Theologie zu Ende gedacht werden. ― (1955a: Wege aus einer kranken Gesellschaft, in: Erich-Fromm-Gesamtausgabe (GA) Band VI, S. 104.)


Wir haben nicht nur ein Bedürfnis nach einem Rahmen der Orientierung, der unserem Dasein einen Sinn gibt und den wir mit unseren Mitmenschen teilen können. Wir haben das Bedürfnis, unsere Hingabe an uns bestimmende Werte in Gemeinschaft mit andern durch Handlungen auszudrücken. Im weiten Sinn ist ein Ritual eine gemeinsam vollzogene Handlung zum Ausdruck gemeinsamer Strebungen, die in gemeinsamen Werten wurzeln.― Das rationale Ritual unterscheidet sich vom irrationalen vor allem durch seine Funktion: Es wehrt nicht verdrängte Impulse ab, es drückt im Gegenteil Strebungen aus, die das Individuum als wertvoll anerkennt. Folglich ist für es nicht die zwanghafte Qualität typisch, die für das irrationale Ritual so charakteristisch ist. (…) Tatsächlich kann man die irrationale Natur eines Rituals stets an dem Grade erkennen, in welchem irgendwelche Verletzungen desselben Angst bewirken. ― (1950a: Psychoanalyse und Religion, in: Erich-Fromm-Gesamtausgabe (GA) Band VI, S. 287.)

Share