Psychoanalyse

Die Psychoanalyse hat die Bedeutung der miteinander in Konflikt befindlichen Strebungen entdeckt, sie sah die Macht des „Widerstands“ gegen das Bewusstwerden dieser Konflikte, sie entdeckte die Rationalisierungen, die glauben machen, dass es keine Konflikte gibt, und die befreiende Wirkung des Bewusstwerdens des Konflikts, und sie erkannte die pathogene Rolle von ungelösten Konflikten. ― Freud hat nicht nur diese allgemeinen Prinzipien entdeckt, sondern er war der erste, der konkrete Methoden zur Erforschung des Verdrängten in Träumen, Symptomen und im alltäglichen Verhalten entwickelt hat. Die Konflikte zwischen sexuellen Impulsen, dem Ich und dem Über-Ich sind nur ein kleiner Teil der Konflikte, die eine zentrale Rolle im Dasein des Menschen spielen, mögen sie nun tragischerweise ungelöst bleiben oder auf produktive Weise gelöst werden. (…) Freud brach mit der konventionellen Ansicht, dass Denken und Sein des Menschen identisch sind, und er deckte die Heucheleien auf. Seine Theorie war kritisch, das heißt, er hinterfragte die bewussten Gedanken, Absichten und Tugenden und zeigte auf, wie oft sie nichts anderes als Formen des Widerstandes sind, die die innere Realität verbergen. ― (1989a [1974-75]: Vom Haben zum Sein. Wege und Irrwege der Selbsterfahrung, Erich-Fromm-Gesamtausgabe (GA) Band XII, S. 434.)

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