Prophet

Menschen, die Ideen verkündigen (…) und die diese Ideen gleichzeitig leben, kann man als Propheten bezeichnen. Die Propheten des Alten Testaments taten eben dies: Sie haben die Idee verkündigt, dass der Mensch eine Antwort auf die Probleme seiner Existenz finden müsse und dass die Antwort in der Entwicklung seiner Vernunft und seiner Liebe bestehe; und sie haben gelehrt, dass Demut und Gerechtigkeit nicht von Liebe und Vernunft zu trennen sind. Sie lebten, was sie verkündeten. Sie strebten nicht nach Macht, sondern gingen ihr aus dem Weg. (…) Weil sie die Wahrheit erkannten, fühlten sie sich verpflichtet, sie auch anderen mitzuteilen; sie drohten nicht, sie zeigten nur die Alternativen, mit denen der Mensch konfrontiert war. Ein Prophet will nicht aus sich heraus Prophet sein. Nur die falschen Propheten wollen dies. ― (1967b: Propheten und Priester, in: Erich-Fromm-Gesamtausgabe (GA) Band V, S. 295f.)


Ein Prophet muss ganz und gar aus einem inneren Bedürfnis heraus sprechen, wenn er seine Vision mitteilen will, und nur dann kann man seiner Stimme und seiner Vision trauen. Wenn er dagegen von dem narzißtischen Wunsch motiviert wird, ein Führer oder Erlöser zu sein, werden die Echtheit seiner Botschaft und die Integrität seiner Stimme fragwürdig. Das Fehlen der narzißtischen Motivation ist in der Vergangenheit wie auch heute eines der Hauptkriterien für die echten Propheten, und vielleicht ist dieses psychologische Erfordernis der einzige Grund dafür, dass sie so selten sind. ― (1966a: Ihr werdet sein wie Gott. Eine radikale Interpretation des Alten Testaments und seiner Tradition, in: Erich-Fromm-Gesamtausgabe (GA) Band VI, S. 140, Anm. 8)

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