Produktivität; Orientierung, produktive

Die produktive Orientierung der Persönlichkeit entspricht einer Grundhaltung, einer bestimmten Art des Bezogenseins in allen Bereichen menschlicher Erfahrung. Sie umfasst körperliche, geistig-seelische, emotionale und sensorische Reaktionen auf andere, auf sich selbst und auf die Welt der Dinge. Produktivität ist die Fähigkeit des Menschen, seine Kräfte zu nutzen und die in ihm angelegten Möglichkeiten zu verwirklichen. Wenn ich sage, dass er seine Kräfte nutzen müsse, so besagt das, dass er frei sein muss und nicht von einem anderen abhängig sein darf, der seine Kräfte unter Kontrolle hält. Es besagt außerdem, dass er sich von seiner Vernunft leiten lassen muss, da er seine Kräfte nur nutzen kann, wenn er weiß, welcher Art sie sind, wie er sie einsetzen und wozu er sie gebrauchen kann. Produktivität bedeutet, dass er sich selbst als die Verkörperung seiner Kräfte und als „Akteur“ erlebt; dass er sich als Subjekt seiner Kräfte empfindet und dass er diesen Kräften nicht entfremdet ist, das heißt dass er sie nicht mit fremden Masken versieht und auf zu Götzen, erhobene Objekte, Personen und Institutionen überträgt. Man kann die Produktivität auch so beschreiben, dass der produktive Mensch alles, was er anrührt, belebt. ― (1970b [zus. mit Michael Maccoby]: Psychoanalytische Charakterologie in Theorie und Praxis. Der Gesellschafts-Charakter eines mexikanischen Dorfes, in: Erich-Fromm-Gesamtausgabe (GA) Band III, S. 311.)


Die produktive Orientierung ist die volle Entfaltung der Biophilie. Wer das Leben liebt, fühlt sich vom Lebens- und Wachstumsprozess in allen Bereichen angezogen. Er will lieber neu schaffen als bewahren. Er vermag zu staunen und erlebt lieber etwas Neues, als dass er in der Bestätigung des Altgewohnten Sicherheit sucht. Das Abenteuer zu leben ist ihm mehr wert als Sicherheit. Seine Einstellung zum Leben ist funktional und nicht mechanisch. Er sieht das Ganze und nicht nur seine Teile, er sieht Strukturen und nicht Summierungen. Er möchte formen und beeinflussen mit Liebe, Vernunft und Beispiel und nicht mit Gewalt, nicht indem er die Dinge auseinandernimmt und auf bürokratische Weise die Menschen verwaltet, so als ob es sich um Dinge handelte. Er erfreut sich am Leben und allen Lebensäußerungen mehr als an bloßen Reizmitteln. ― (1964a: Die Seele des Menschen. Ihre Fähigkeit zum Guten und zum Bösen, in: Erich-Fromm-Gesamtausgabe (GA) Band II, S. 186.)

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