Nekrophilie; Liebe zum Toten; Tote, Liebe zum –

Wörtlich übersetzt bedeutet „Nekrophilie“ „Liebe zum Toten“ (so wie „Biophilie“ „Liebe zum Lebendigen“ oder „Liebe zum Leben“ bedeutet). Der Begriff bezeichnet gewöhnlich eine sexuelle Perversion, nämlich den Wunsch, den toten Körper (einer Frau) zum Geschlechtsverkehr zu besitzen, oder den krankhaften Wunsch, sich in der Nähe eines Leichnams aufzuhalten. ― (1964a: Die Seele des Menschen. Ihre Fähigkeit zum Guten und zum Bösen, in: Erich-Fromm-Gesamtausgabe (GA) Band II, S. 180f.)


Die Nekrophilie kann man im charakterologischen Sinn definieren als das leidenschaftliche Angezogenwerden von allem, was tot, vermodert, verwest und krank ist; sie ist die Leidenschaft, das, was lebendig ist, in etwas Unlebendiges umzuwandeln; zu zerstören um der Zerstörung willen; das ausschließliche Interesse an allem, was rein mechanisch ist. Es ist die Leidenschaft, lebendige Zusammenhinge mit Gewalt entzweizureißen. ― (1973a: Anatomie der menschlichen Destruktivität, in: Erich-Fromm-Gesamtausgabe (GA) Band VII, S. 301.)


Jeder Mensch ist auch fähig, sich vom Toten anziehen zu lassen, wenn es ihm nicht gelingt, seine primäre Möglichkeit zur Entwicklung zu bringen, nämlich sich auf das Leben zu beziehen als etwas, das ihn interessiert und ihm Freude macht, und wenn er seine Kräfte der Vernunft und Liebe nicht entwickeln kann. Gelingt ihm dies nicht, dann neigt der Mensch dazu, eine andere Weise des Bezogenseins zu entwickeln: das Leben zu zerstören. Auch im Zerstören transzendiert er das Leben. Der Mensch kann das Leben transzendieren, indem er neues Leben schafft oder indem er Leben zerstört. ― (1991f [1961]: Zum Verständnis von seelischer Gesundheit, in: Erich-Fromm-Gesamtausgabe (GA) Band XII, S. 159.)

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