Narzissmus

Der Narzissmus ist eine Orientierung, in der jedes Interesse und jede Leidenschaft auf die eigene Person – auf den eigenen Körper, den eigenen Geist, die eigenen Gefühle und Interessen – gelenkt ist. (…) Für den narzisstischen Menschen ist nur er und was ihn betrifft ganz real; was außerhalb ist, was andere anbelangt, erscheint ihm nur oberflächlich für seine Wahrnehmung als real. Anders gesagt: Die Außenwelt ist nur für seine Sinne und für seinen Verstand real, aber nicht in einem tieferen Sinne, für sein Fühlen oder für sein Verstehen. Das, was außerhalb ist, interessiert ihn nur insofern, als es ihn betrifft. Er hat keine Liebe, kein Mitgefühl, kein rationales, objektives Urteil. Der sehr narzisstische Mensch hat eine unsichtbare Mauer um sich erstellt; er ist alles, die Welt ist nichts – oder vielmehr: er ist die Welt. ― (1989a [1974-75]: Vom Haben zum Sein. Wege und Irrwege der Selbsterfahrung, Erich-Fromm-Gesamtausgabe (GA) Band XI, S. 481.)


In der Pathologie des Narzissmus ist zwischen zwei seiner Formen – der gutartigen und der bösartigen – zu unterscheiden. Bei der gutartigen Form ist das Objekt des Narzissmus das Ergebnis der eigenen Bemühungen. So kann jemand beispielsweise von einem narzisstischen Stolz auf seine Arbeiten als Tischler, als Wissenschaftler oder als Landwirt erfüllt sein. Insofern der Gegenstand seines Narzissmus etwas ist, woran er arbeiten muss, findet sein ausschließliches Interesse an seiner Arbeit und seiner Leistung immer wieder ein Gegengewicht in seinem Interesse am Fortschritt der Arbeit selbst und an dem Material, mit dem er arbeitet. (…)

Beim bösartigen Narzissmus ist der Gegenstand des Narzissmus nichts, was der Betreffende tut oder produziert, sondern etwas, was er hat, z.B. sein Körper, sein Aussehen, seine Gesundheit, sein Reichtum und so weiter. Diese Art von Narzissmus ist deshalb bösartig, weil ihm das korrektive Element abgeht, das wir in der gutartigen Form finden. Wenn ich „groß“ bin, weil ich eine bestimmte Eigenschaft habe und nicht weil ich etwas leiste, ist es nicht nötig, dass ich mit irgendjemand oder irgendetwas in Beziehung stehe. ― (1964a: Die Seele des Menschen. Ihre Fähigkeit zum Guten und zum Bösen, in: Erich-Fromm-Gesamtausgabe (GA) Band II, S. 210f.)

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