Mutterbindung; Bindung an Mutter

Jenseits der Bindung des Jungen an die Mutter auf der genitalen Ebene gibt es eine tiefere und viel irrationalere Bindung. Das Kind, Junge oder Mädchen, ist an die Mutter als Lebensspenderin, als allgegenwärtige Hilfe, als bedingungslos liebende Figur gebunden. Die Mutter ist Leben, Sicherheit; sie schützt das Kind vor der Realität der menschlichen Situiertheit, die verlangt, dass der Mensch tätig ist, Entscheidungen fällt, Risiken auf sich nimmt, allein ist und stirbt. (…)

Der Wunsch, von der Mutter lebenslang geliebt und beschützt zu werden, kann noch tiefer und irrationaler werden, wenn er als Sehnsucht auftritt, mit ihr eins zu sein, in ihren Bauch zurückzukehren und schließlich die Tatsache, geboren worden zu sein, ungeschehen zu machen. Dann wird der Mutterleib zum Grab, zur Mutter Erde, in der man „begraben“ werden, zum Meer, in dem man ertrinken möchte. Solche Wünsche sind nicht „symbolisch“; das Verlangen ist keine „Verkleidung“ von verdrängten ödipalen Strebungen. Im Gegenteil, die inzesthaften Strebungen stellen oft den Versuch dar, sich vor der tieferen und lebensbedrohlichen Sehnsucht nach der Mutter zu schützen. Je tiefer und intensiver das Verlangen nach der Mutter ist, desto verdrängter ist es. Nur in der Psychose und in Träumen wird diese Sehnsucht bewusst.― (1990f [1969]: Die dialektische Revision der Psychoanalyse, in: Erich-Fromm-Gesamtausgabe (GA) Band XII, S. 40f.)

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