Leidenschaft

Die Leidenschaften des Menschen sind keine banalen psychologischen Komplexe, die aus Kindheitstraumata hinreichend zu erklären sind. Man begreift sie nur, wenn man (…) sie als das erkennt, was sie sind: der Versuch des Menschen, seinem Leben einen Sinn zu geben und das Äußerste an Intensität und Kraft zu erleben, was unter den gegebenen Verhältnissen möglich ist (oder was er für möglich hält). Sie sind seine Religion, sein Kult, sein Ritual, die er (sogar vor sich selbst) verbergen muss, sofern seine Gruppe sie missbilligt. (…)

In Wahrheit sind alle menschlichen Leidenschaften, die „guten“ wie die „schlechten“, nur als Versuch des Menschen zu verstehen, die banale Existenz der reinen Fristung des Lebens zu transzendieren. Wandel der Persönlichkeit ist nur dann möglich, wenn es ihm gelingt, sich zu einer neuen Art, dem Leben Sinn zu geben zu „bekehren“, indem er seine lebensfördernden Leidenschaften mobilisiert, und auf diese Weise eine stärkere Vitalität und Integration erfährt, als er sie zuvor besaß. ― (1973a: Anatomie der menschlichen Destruktivität, in: Erich-Fromm-Gesamtausgabe (GA) Band VII, S. 8.)


(Es ist wichtig,) dass man unterscheidet zwischen „organischen Trieben“ (Nahrung, Kampf, Flucht, Sexualität), deren Funktion es ist, das Überleben des Individuums und der Art zu gewährleisten, und den „nichtorganischen Trieben“ (im Charakter wurzelnde Leidenschaften), welche nicht phylogenetisch programmiert und nicht allen Menschen gemeinsam sind, wozu das Streben nach Liebe und Freiheit sowie die Destruktivität, der Narzissmus, der Sadismus und der Masochismus gehören. („Nichtorganisch“ bedeutet natürlich nicht, dass sie kein neurophysiologisches Substrat besitzen, sondern dass sie nicht durch organische Bedürfnisse stimuliert werden und dass sie nicht im Dienst organischer Bedürfnisse stehen.) ― (1973a: Anatomie der menschlichen Destruktivität, in: Erich-Fromm-Gesamtausgabe (GA) Band VII, S. 66f.)

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