Kreativität

Von Kreativität kann man in einem zweifachen Sinne sprechen: Kreativität kann heißen, dass etwas Neues geschaffen wird, etwas, das andere sehen oder hören können, etwa ein Gemälde, eine Skulptur, eine Sinfonie, ein Gedicht, ein Roman usw. Unter Kreativität versteht man aber auch die Haltung, aus der heraus erst jene Schöpfungen entstehen, von denen eben gesprochen wurde, und die vorhanden sein kann, ohne dass in der Welt der Dinge etwas Neues geschaffen wird. (…) Mir geht es um die kreative Haltung, um den kreativen Charakterzug. Und hier meint Kreativität die Fähigkeit, zu sehen (oder bewusst wahrzunehmen) und zu antworten. ― (1959c: Der kreative Mensch, in: Erich-Fromm-Gesamtausgabe (GA) Band IX, S. 399.)


Der Mensch wird ständig hin- und hergerissen zwischen dem Wunsch, in den Mutterleib zurückzukehren, und dem Wunsch, ganz geboren zu werden. Jeder Geburtsakt erfordert den Mut, etwas loszulassen, den Mutterleib aufzugeben, ihre Brust und ihren Schoß zu verlassen und die Mutterhände loszulassen, um schließlich auf alle Sicherheiten zu verzichten und sich nur noch auf eines zu verlassen: auf die eigenen Kräfte, die Dinge wirklich wahrzunehmen und auf sie zu antworten, das heißt auf die eigene Kreativität. Kreativ sein heißt den gesamten Lebensprozess als einen Geburtsprozess ansehen und keine Stufe des Lebens als endgültige zu betrachten. Die meisten Menschen sterben, bevor sie ganz geboren sind. Kreativität bedeutet geboren werden, bevor man stirbt. ― (1959c: Der kreative Mensch, in: Erich-Fromm-Gesamtausgabe (GA) Band IX, S. 406.)

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