Konstitution bzw. Anlage; Anlage bzw. Konstitution

Unter Konstitution (oder ererbte Anlage) verstehen wir mehr als nur das Temperament im klassischen Sinn. Wir bezeichnen damit vielmehr die Grundstruktur der Persönlichkeit. Die Beziehungen innerhalb der Familie tragen entweder dazu bei, diese Struktur bestmöglich zu entwickeln oder sie zu entstellen. Genau wie aus einem Birnenkern kein Apfelbaum werden kann, sondern nur ein besserer oder schlechterer Birnbaum, was von der Bodenbeschaffenheit und vom Klima abhängt, so kann auch ein Kind nur die ihm mitgegebene potentielle Struktur entweder auf eine harmonische und höchst lebendige Weise oder in negativer Richtung entwickeln. So kann zum Beispiel ein höchst sensibles und nicht-aggressives Kind unter günstigen Einflüssen zu einem einfühlsamen, künstlerisch und geistig orientierten Menschen werden. Unter dem Einfluss kalter und autoritärer Eltern wird das gleiche Kind vermutlich eingeschüchtert, verängstigt und nachtragend werden, was dann zur Folge hat, dass es den größten Teil seiner Energie nicht darauf verwenden wird, das zu werden, was es sein kann. ― (1970b [zus. mit Michael Maccoby]: Psychoanalytische Charakterologie in Theorie und Praxis. Der Gesellschafts-Charakter eines mexikanischen Dorfes, in: Erich-Fromm-Gesamtausgabe (GA) Band III, S. 258.)


(Zu den konstitutionellen Faktoren) gehören für mich nicht nur das, was man gewöhnlich „Temperament“ nennt (…), sondern auch Faktoren wie die Vitalität, die Liebe zum Leben, der Mut und anderes. Ein Mensch wird auf Grund seines Chromosomensatzes bereits als ein klar definiertes Wesen empfangen. Die Frage ist dann, was das Leben diesem bereits bei der Geburt besonders ausgezeichneten Menschen zufügt. Für einen Psychoanalytiker ist es eine gute Übung, sich folgendes zu überlegen: Wie wäre dieser Mensch, wenn seine Lebensumstände dem Wesen, als das er empfangen wurde, förderlich gewesen wären? Und was sind die besonderen Entstellungen und Schädigungen, die das Leben und die Umstände diesem Menschen zugefügt haben? ― (1991c [1964] Wirkfaktoren der psychoanalytischen Behandlung, in: Erich-Fromm-Gesamtausgabe (GA) Band XII, S. 251f.)

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