Intelligenz oder Vernunft; Vernunft oder Intelligenz

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Der Schimpanse, der zwei Stäbe ineinander steckt, um an die Banane heranzukommen, weil ein einzelner Stab allein nicht lang genug dafür ist, bedient sich seiner Intelligenz. Das tun wir alle, wenn wir unserer Arbeit nachgehen, wenn wir „uns ausdenken“, wie wir etwas am besten in Angriff nehmen. Intelligenz in diesem Sinne heißt die Dinge so nehmen, wie sie sind, und Kombinationen vornehmen, um ihre Handhabung zu vereinfachen; Intelligenz ist Denken im Dienst des biologischen Fortbestandes. ― Vernunft dagegen möchte verstehen; sie versucht dahinterzukommen, was unter der Oberfläche ist; sie möchte den Kern, das Wesen der uns umgebenden Wirklichkeit erkennen. (…) Vernunft erfordert Bezogenheit und Selbst-Gefühl. ― (1955a: Wege aus einer kranken Gesellschaft, in: Erich-Fromm-Gesamtausgabe (GA) Band IV, S. 121.)


Unter Intelligenz verstehe ich die Fähigkeit, mit Begriffen umzugehen, ohne durch die Oberfläche zum Wesen der Dinge durchzustoßen. Intelligenz will Wirklichkeit lieber gebrauchen und verzwecken, als sie verstehen. Die Fähigkeit zu verstehen, die Vernunft (reason), ist der Gegenbegriff zu manipulativer Intelligenz (intelligence). Vernunft setzt immer voraus, dass wir auf das, worüber wir nachdenken, bezogen sind. Sind wir nicht bezogen, bleibt uns nichts anderes übrig, als mit der Wirklichkeit manipulativ umzugehen. Wir können sie dann wiegen und zählen und berechnen und Faktoren vergleichen. Für diese Art von Intelligenz ist, wie ich aufgezeigt habe, genau die gleiche Art von Abstraktion typisch, die für unsere Gefühle und Empfindungen charakteristisch ist. ― (1991e [1953]: Die Pathologie der Normalität des heutigen Menschen, in: Erich-Fromm-Gesamtausgabe (GA) Band XI, S. 253)