Ideologie

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Die Ideologie (…) dient dazu, jede Unvernunft und Unmoral, die in einer Gesellschaft existiert, zu rationalisieren und zu rechtfertigen. Gleichzeitig befriedigt die Ideologie, die gleichsam die erstarrte Idee in sich enthält, die Anhänger des Systems. Sie glauben, sie wären mit den grundlegenden Bedürfnissen des Menschen, mit Liebe, Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit, verbunden, weil sie diese Worte hören und aussprechen. Gleichzeitig jedoch bewahrt die Ideologie diese Ideen. Obgleich sie zu Ritualen werden, werden sie doch nach wie vor ausgesprochen; sie können wieder zu lebendigen Ideen werden, wenn die historische Situation dem Menschen die Möglichkeit gibt, zu erwachen und das zum Idol Gewordene wieder als Wirkliches zu erleben. Wenn die Ideologie aufhört, ein Ritual zu sein, wenn sie wieder Verbindung bekommt mit der individuellen und sozialen Wirklichkeit, dann verwandelt sie sich zurück in eine Idee. Es ist, als ob die Idee ein Samenkorn wäre, das jahrelang im Sand ruhte und dann in fruchtbaren Boden verpflanzt wird, wo es wieder wächst. Demnach ist eine Ideologie zugleich ein trügerischer Ersatz für eine Idee und ihre Bewahrung, bis die Zeit für ihre Neubelebung gekommen ist. ― (1961a: Es geht um den Menschen! Eine Untersuchung der Tatsachen und Fiktionen in der Außenpolitik, in: Erich-Fromm-Gesamtausgabe (GA) Band V, S. 116f.)


Die Aufgabe der Kritik besteht nicht darin, die Ideale herabzusetzen, sondern vielmehr nachzuweisen, dass sie in Ideologien verwandelt wurden, und die Ideologie im Namen des verratenen Ideals zu bekämpfen. ― (1962a: Jenseits der Illusionen. Die Bedeutung von Marx und Freud, in: Erich-Fromm-Gesamtausgabe (GA) Band IX, S. 124.)