Götze; Idol

Der Götze ist ein Gegenstand von Menschenhand, aber einer, vor dem der Mensch niederkniet, als ob er der Sklave und seiner Hände Gebilde der Herr sei. Wenn er so handelt, ist er nicht mehr im vollen Sinne lebendig, weil er sich zum Anbeter eines Dinges macht, das „Nicht-Leben“ ist. Statt ein offenes System mit der Möglichkeit zu unvorhergesehenen Entwicklungen zu sein, macht sich der Götzendiener zu einem geschlossenen System: so geschlossen wie das Bild, das er anbetet. (…) ― Wir beten wir Werk unserer Hände und die von uns geschaffenen Zustände an. (…) Um welche Götzen handelt es sich? Die Organisation, der Staat, die Macht, die „Zukunft“, unbegrenzter Konsum, und sogar Gott selbst wurden in einen Götzen verwandelt. ― (1968f: Der geistige Zustand Amerikas, in: Erich-Fromm-Gesamtausgabe (GA) Band XI, S. 391f.)


Das Idol ist nämlich jene Figur, auf die ein Mensch seine eigene Stärke und seine eigenen Kräfte überträgt. Je mächtiger ein Idol wird, desto ärmer wird man selber. Mit sich selber kann man nur noch in Kontakt sein, wenn man mit dem Idol in Kontakt ist. Das Idol, das Werk seiner Hände und Phantasie, übersteigt ihn und steht über ihm. Sein Schöpfer wurde zum Gefangenen des Idols. Götzendienst, wie ihn die Propheten im Alten Testament beklagen, ist im Kern nichts anderes, als was der Begriff der „Entfremdung“ meint. ― (1990f [1969]: Die dialektische Revision der Psychoanalyse, in: Erich-Fromm-Gesamtausgabe (GA) Band XII, S. 44.)

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