Glaube

Glauben (ist) eine Grundhaltung des Menschen (…), ein Charakterzug, der seine sämtlichen Erfahrungen durchdringt und ihn befähigt, der Wirklichkeit illusionslos ins Gesicht zu sehen und trotzdem in seinem Glauben zu leben. Es ist schwierig, Glauben nicht primär als Glauben an etwas aufzufassen, sondern als Glauben im Sinne einer inneren Haltung, deren spezifischer Inhalt von sekundärer Bedeutung ist. Vielleicht erleichtert es das Verständnis, wenn man daran erinnert, dass der Terminus „Glaube“, wie er im Alten Testament gebraucht wird, emunah = „Standhaftigkeit“ bedeutet. Er bezeichnet somit eine bestimmte Eigenschaft des menschlichen Erlebens, also mehr einen Charakterzug als den Inhalt eines Glaubens an etwas. ― (1947a: Psychoanalyse und Ethik. Bausteine zu einer humanistischen Charakterologie, in: Erich-Fromm-Gesamtausgabe (GA) Band II, S. 126.)


Es besteht ein wesentlicher Unterschied zwischen dem rationalen und dem irrationalen Glauben. Während der rationale Glaube unserem inneren Tätigsein im Denken und Fühlen entspringt, besagt irrationaler Glaube Unterwerfung unter etwas Gegebenes, das wir als wahr hinnehmen, ganz gleich, ob es das ist oder nicht. Das Wesentliche am irrationalen Glauben ist das Untätigsein (passiveness), ob nun der Gegenstand des Glaubens ein Idol, ein Führer oder eine Ideologie ist. ― (1968: Die Revolution der Hoffnung. Für eine Humanisierung der Technik, in: Erich-Fromm-Gesamtausgabe (GA) Band IV, S. 271,)


Der Mensch kann nicht ohne Glauben leben. Die entscheidende Frage unserer eigenen und der kommenden Generationen ist, ob dieser Glaube ein irrationaler Glaube an Führer, Maschinen oder Erfolg sein wird oder der auf dem Erlebnis unseres eigenen produktiven Tätigseins beruhende rationale Glaube an den Menschen. ― (1947a: Psychoanalyse und Ethik. Bausteine zu einer humanistischen Charakterologie, in: Erich-Fromm-Gesamtausgabe (GA) Band II, S. 133.)

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