Fühlen

Die Grenze zwischen der Wahrnehmung eines Gefühls und dem Ausdruck des Gefühls mit Worten ist ganz fließend. (…) Das Gefühl mag näher beim Wort stehen, aber solange das Wort noch ein „lebendes Wort“ ist, hat es dem Gefühl wenig geschadet. Aber dann kommt der Punkt, wo das Wort vom Gefühl getrennt wird, das heißt auch von der sprechenden Person, und an diesem Punkt hat das Wort seine Realität – außer als Klangkombination – verloren. Viele Menschen nehmen diese Veränderung wahr. Sie sind sich einer starken, schönen oder auch erschreckenden Erfahrung bewusst. Wenn sie diese aber einen Tag später in Worte fassen wollen, sagen sie einen Satz, der das Gefühl genau beschreibt, und doch klingt dieser Satz fremd. Er wird so empfunden, als sei er nur in ihrem Kopf und habe keine Verbindung mit dem, was sie am Tag zuvor fühlten.

Dieser Vorgang entspricht der Unterscheidung zwischen „Entäußerung“ und „Entfremdung“ bei Hegel und Marx. „Entäußerung“ bedeutet, dass das Wort noch mit dem Gefühl verbunden ist, „Entfremdung“ bedeutet, dass das Wort vom Gefühl abgetrennt ist. Wenn dies geschieht, sollte man merken, dass etwas schiefgelaufen ist und dass man begonnen hat, mit Worten zu spielen, statt sich seiner inneren Realität bewusst zu werden. (…) ― (1989a [1974-75]: Vom Haben zum Sein. Wege und Irrwege der Selbsterfahrung, Erich-Fromm-Gesamtausgabe (GA) Band XII, S. 451.)

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