Entfremdung

Unter Entfremdung ist eine Art der Erfahrung zu verstehen, bei welcher der Betreffende sich selbst als einen Fremden erlebt. Er ist sozusagen sich selbst entfremdet. Er erfährt sich nicht mehr als Mittelpunkt seiner Welt, als Urheber seiner eigenen Taten – sondern seine Taten und deren Folgen sind zu seinen Herren geworden, denen er gehorcht, ja die er sogar möglicherweise anbetet. Der entfremdete Mensch hat den Kontakt mit sich selbst genauso verloren, wie er auch den Kontakt mit allen anderen Menschen verloren hat. Er erlebt sich und die anderen so, wie man Dinge erlebt – mit den Sinnen und dem gesunden Menschenverstand, aber ohne mit ihnen und der Außenwelt in eine produktive Beziehung zu treten. ― (1955a: Wege aus einer kranken Gesellschaft, in: Erich-Fromm-Gesamtausgabe (GA) Band IV, S. 88.)


Psychologisch gesehen lässt sich der Mechanismus der Entfremdung so beschreiben, dass ich ein Erleben, das potentiell in mir ist, auf ein Objekt außerhalb von mir projiziere. Ich entfremde mich selbst von meinem eigenen menschlichen Erleben und projiziere dieses Erleben auf etwas oder auf jemanden außerhalb, um dann mit meinem eigenen menschlichen Sein wieder dadurch in Berührung zu kommen, dass ich mit dem Objekt, auf das ich meine Menschlichkeit projiziert habe, in Kontakt bin. Dies meint Entfremdung oder – worauf ich gleich zu sprechen komme – Idolatrie (Götzendienst). Beide – Entfremdung und Götzendienst – beziehen sich genau auf das gleiche Phänomen. Hegel und Marx sprachen von Entfremdung, die Propheten des Alten Testaments von Götzendienst. ― (1992g [1959]: Das Unbewusste und die psychoanalytische Praxis, in: Erich-Fromm-Gesamtausgabe (GA) Band XII, S. 209.)


Die Entfremdung der Sprache zeigt die ganze Komplexität der Entfremdung. Sprache ist eine der kostbarsten menschlichen Leistungen; es wäre ein verrückter Gedanke, nicht zu sprechen, um die Entfremdung zu vermeiden. Man muss sich jedoch immer der Gefahr des gesprochenen Wortes bewusst sein, der Drohung, dass es sich selbst an die Stelle der lebendigen Erfahrung setzt. Dasselbe gilt auch für {46} andere Leistungen des Menschen: für Ideen, für die Kunst, für jegliche Art von menschengeschaffenen Dingen. Sie sind die Schöpfungen des Menschen, sie sind wertvolle Hilfen für das Leben, und doch ist jede von ihnen zugleich eine Falle, indem sie nämlich dazu verführen, das Leben selbst mit Dingen zu verwechseln, die Erfahrung mit künstlich Geschaffenem, das Gefühl mit Selbstaufgabe und Unterwerfung. ― (1961b: Das Menschenbild bei Marx, in: Erich-Fromm-Gesamtausgabe (GA) Band V, S. 369.)

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