Ego oder Ich; Ich oder Ego

Die meisten Menschen erleben heute ihr Selbst in einer entfremdeten Weise: Sie schauen auf sich, wie wenn sie jemanden „da drüben“ wahrnehmen würden. Dabei geht es nicht um die Frage, ob das Bild, das wir von uns haben, richtig oder falsch ist, sondern darum, dass wir uns selbst nur als ein Warenangebot wahrnehmen. Wir sehen uns nur von außen. Wenn wir „Ich“ denken, dann erleben wir uns in Wirklichkeit, wie wenn es um eine andere Person ginge und zudem noch so, dass wir dieses Gegenüber auch nur in einer entfremdeten Weise wahrnehmen. (…) Ein solche Ego-Vorstellung ist eine entfremdete Vorstellung des Bildes, das ich von mir als einem Ding habe (…).

Beim nicht-entfremdeten Selbsterleben erlebe ich mein Selbst als ein „Ich“ in einem Vorgang, bei dem ich das Subjekt meines Handelns bin. Mit „Handeln“ meine ich hier nicht vorrangig, dass ich dieses oder jenes tue; vielmehr dass ich im Prozess des Seins das Subjekt meines menschlichen Erlebens bin: Ich fühle, ich denke, ich schmecke, ich höre, ich liebe – und es gibt noch viele andere Dinge, die alle zum Bereich meiner menschlichen Fähigkeiten gehören und deren Ausdruck sind. Wenn ich nicht künstlich nachahme, sondern das authentische Subjekt meines Tätigseins bin, dann erlebe ich mich in der Tat im Augenblick des Tätigseins als den, der da handelt: als Ich, und nicht als ein Ego. ― (1992g [1959]: Das Unbewusste und die psychoanalytische Praxis, Erich-Fromm-Gesamtausgabe (GA) Band XII, S. 214.)

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