Demokratie

Über den demokratischen Charakter eines Systems kann man nur urteilen, wenn man es von allen Seiten betrachtet. Dabei handelt es sich im wesentlichen um folgende vier Aspekte:― (1) Die politische Demokratie im westlichen Sinn: ein Mehrparteiensystem mit freien Wahlen (vorausgesetzt, dass sie wirklich frei und nicht durch Manipulation zustande gekommen sind).― (2) Eine Atmosphäre persönlicher Freiheit. Hierunter verstehe ich eine Situation, in der der Einzelne jede beliebige Meinung frei äußern kann (auch eine Kritik an der Regierung), ohne Repressalien befürchten zu müssen. (…) ― (3) Will man die Rolle des Einzelnen in einem bestimmten Land beurteilen, so kann man das nicht, ohne zu untersuchen, zu wessen Vorteil das Wirtschaftssystem funktioniert. Demokratie ist nur in einem Wirtschaftssystem möglich, das dem Wohl der Mehrheit der Bevölkerung dient. (…) ― (4) Schließlich gibt es noch ein gesellschaftliches Kriterium für Demokratie, nämlich die Rolle, die der Einzelne in seiner Arbeitssituation und bei den konkreten Entscheidungen seines täglichen Lebens spielt. Es ist zu fragen: Zeigt ein System die Tendenz, die Menschen in anpassungsbereite Automaten zu verwandeln, oder tendiert es dazu, ihre persönliche Aktivität und ihr Verantwortungsgefühl zu stärken? (…) Es ist besonders wichtig, dass man nicht nur die soziale Rolle des Einzelnen in einem bestimmten Augenblick überprüft, sondern die allgemeine Tendenz innerhalb des Systems, ob es die individuelle Entwicklung und das Verantwortungsgefühl des einzelnen sowie die Dezentralisierung fördert oder ob es sie behindert. ― (1961a: Es geht um den Menschen! Eine Untersuchung der Tatsachen und Fiktionen in der Außenpolitik, in: Erich-Fromm-Gesamtausgabe (GA) Band V, S. 179f.)

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