Charakterlosigkeit

Wenn ich sage, dass heute Menschen keinen Charakter mehr haben, dann meine ich, dass sie emotional und intellektuell gesehen von der Hand in den Mund leben. Sie befriedigen jedes Bedürfnis sofort, haben beim Lernen wenig Geduld, tun sich schwer, Frustrationen auszuhalten und haben kein Zentrum in sich selbst und kein Identitätserleben. Sie leiden am fehlenden Selbsterleben, stellen sich selbst, ihre Identität, den Sinn ihres Lebens in Frage. Manche Psychologen haben aus der Not dieses Identitätsmangels eine Tugend gemacht und sprechen davon, dass diese jungen Menschen einen „proteischen“, amöbenartigen Charakter hätten, wenn sie nach jedem und allem verlangten und an nichts gebunden seien. Damit wird freilich nur in einer etwas poetischeren Sprache vom Mangel am Selbst gesprochen (…). ― (1992j [1972]: Meine Kritik an der Industriegesellschaft, in: Erich-Fromm-Gesamtausgabe (GA) Band XI, pp. 301f.)

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