Charakter

Ich bediene mich des Begriffs „Charakter“ in dem dynamischen Sinn, in dem Freud vom Charakter spricht. In diesem Sinn bezieht er sich nicht auf die Gesamtsumme aller für einen Menschen charakteristischen Verhaltensmuster, sondern auf die sein Verhalten motivierenden beherrschenden Triebe. Da Freud annahm, dass die grundlegenden Motivationskräfte sexueller Natur seien, kam er zu Begriffen wie „oraler“, „analer“ oder „genitaler Charakter“. Teilt man diese Auffassung nicht, so muss man eine andere Einteilung der Charaktertypen vornehmen. Aber die dynamische Auffassung möchte ich beibehalten. Die den Charakter eines Menschen beherrschenden Triebkräfte müssen ihm nicht als solche bewusst sein. Jemand kann völlig von sadistischen Strebungen beherrscht sein und trotzdem bewusst der Überzeugung sein, alles nur aus Pflichtgefühl zu tun. ― (1941a: Die Furcht vor der Freiheit, in: Erich-Fromm-Gesamtausgabe (GA) Band I, S. 312f.)


Charakter kann also definiert werden als die (relativ) gleichbleibende Form, in die die menschliche Energie im Prozess der Assimilierung und Sozialisation kanalisiert wird.(…) Das Charaktersystem kann als menschlicher Ersatz für den Instinktapparat des Tieres angesehen werden. Ist die Energie einmal in einer bestimmten Weise „kanalisiert“, dann vollzieht sich das Handeln „getreu dem Charakter“.

Der Charakter hat jedoch nicht nur die Funktion, dem einzelnen ein konsistentes und „vernünftiges“ Handeln zu ermöglichen. Er ist gleichzeitig die Basis für dessen Anpassung an die Gesellschaft. Der Charakter des Kindes wird durch den Charakter der Eltern geformt, denen entsprechend das Kind sich entwickelt. Der Charakter der Eltern und ihre Erziehungsmethoden werden ihrerseits durch die Gesellschaftsstruktur ihres Kulturraumes geprägt. Die durchschnittliche Familie ist die „psychologische Agentur der Gesellschaft“. Indem sich das Kind seiner Familie anpasst, erwirbt es den Charakter, der es später zu seinen Aufgaben im gesellschaftlichen Leben befähigt. (…) Bis zu welchem Grade der Charakter durch gesellschaftliche oder kulturelle Vorbilder geformt wird, zeigt sich darin, dass die meisten Angehörigen einer gesellschaftlichen Klasse oder eines Kulturbereichs bestimmte Charakterelemente gemeinsam haben, so dass man von einem „Gesellschafts-Charakter“ sprechen kann, der den Kern der Charakterstruktur repräsentiert, der den meisten Menschen in einer bestimmten Kultur gemeinsam ist. ― (1947a: Psychoanalyse und Ethik. Bausteine zu einer humanistischen Charakterologie, in: Erich-Fromm-Gesamtausgabe (GA) Band II, S. 42f.)

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