Wahrheit

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Der Mensch hat als Mensch eine ihm innewohnende Neigung, seine Kenntnisse über die Wirklichkeit zu erweitern, das heißt, der Wahrheit näher zu kommen. Wir haben es hier nicht mit einem metaphysischen Begriff der Wahrheit zu tun, sondern mit einem Begriff wachsender Annäherung, was mit einer Verringerung von Fiktion und Täuschung gleichbedeutend ist. Im Vergleich zur Bedeutung dieser größeren oder geringeren Erfassung der Wirklichkeit ist die Frage, ob es eine endgültige Wahrheit über irgend etwas gibt, völlig abstrakt und irrelevant. Der Prozess des wachsenden Gewahrwerdens ist nichts anderes als der Prozess des Erwachens, bei dem man die Augen öffnet und das erblickt, was vor einem liegt. Gewahrwerden heißt Illusionen aufgeben und ist in dem Maß, wie es gelingt, ein Befreiungsprozess. ― (1968: Die Revolution der Hoffnung. Für eine Humanisierung der Technik, in: Erich-Fromm-Gesamtausgabe (GA) Band IV, S. 308.)


Die Wahrheit hat eine besondere Eigenschaft. Da sie die Wirklichkeit ausdrückt, erreicht sie den Menschen, was die Halbwahrheiten nicht tun. Bin ich auf einen anderen Menschen in echter Weise bezogen, also wirklich bei ihm und in ihm, und sage ich ihm, was ich als seine Wirklichkeit sehe, dann ist es für den anderen sehr schwer, weiterhin an seinem Widerstand festzuhalten (…). Wenn ich einem Patienten nur die halbe Wahrheit sage, weil ich davon überzeugt bin, dass er die ganze Wahrheit noch nicht ertragen kann (…), dann erreicht man den Patienten nicht. Es ist dann wie bei einem Telefon, das nicht klingelt, weil zwar die ersten fünf Nummern richtig, die sechste aber falsch gewählt war. ― (1992g [1959]: Das Unbewusste und die psychoanalytische Praxis, in: Erich-Fromm-Gesamtausgabe (GA) Band XII, S. 233f.)


Man kann das Wissen von sich und das Wissen von der Gesellschaft nicht trennen. Beides gehört zusammen. (…) Die Wahrheit ist untrennbar. Man kann nicht hier die Realität sehen und dort verschlossen bleiben. Das macht das Messer stumpf, das heißt, die Suche nach der Wahrheit ineffektiv. Man kann auch sich selbst nur richtig sehen, wenn man andere richtig sehen kann, wenn man sie in ihrer gesellschaftlichen Bedingtheit sieht, das heißt, wenn man kritisch dem gegenübersteht, was in der Welt sonst vor sich geht. ― (1974: Im Namen des Lebens. Ein Porträt im Gespräch mit Hans Jürgen Schultz, in: Erich-Fromm-Gesamtausgabe (GA) Band XI, S. 630.)