Unbewusstes, gesellschaftliches; gesellschaftliches Unbewusstes

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Der Gesellschafts-Charakter, der die Menschen veranlasst, so zu handeln und zu denken, wie es der reibungslose Ablauf ihres gesellschaftlichen Lebens erfordert, ist nur das eine Verbindungsglied zwischen Gesellschaftsstruktur und Ideen. Das andere Verbindungsglied ist die Tatsache, dass eine jede Gesellschaft bestimmt, welche Gedanken und Gefühle ins Bewusstsein gelangen dürfen und welche unbewusst bleiben müssen. Genauso wie es einen Gesellschafts-Charakter gibt, gibt es auch ein „gesellschaftliches Unbewusstes“. ― (1962a: Jenseits der Illusionen. Die Bedeutung von Marx und Freud, in: Erich-Fromm-Gesamtausgabe (GA) Band IX, S. 96.)


Der Begriff des „gesellschaftlichen Unbewussten“ bezieht sich auf die Verdrängung der inneren Realität, die ganze Gruppen miteinander gemeinsam haben. (…) Natürlich variieren die Inhalte des gesellschaftlichen Unbewussten entsprechend den vielen unterschiedlichen Formen der Gesellschaftsstruktur: Es handelt sich je nachdem um Aggressivität, Aufbegehren, Abhängigkeit, Einsamkeit, Kummer und Langeweile, um nur einige Impulse zu erwähnen. Der verdrängte Impuls muss unterdrückt bleiben und durch Ideologien ersetzt werden, die ihn verleugnen oder sein Gegenteil behaupten. ― (1965c: Die Anwendung der humanistischen Psychoanalyse auf die marxistische Theorie, in: Erich-Fromm-Gesamtausgabe (GA) Band V, S. 408.)