Pathologie der Normalität; Normalität, Pathologie der –

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Die „Pathologie der Normalität“ nimmt nur selten die schwereren Formen einer Geisteskrankheit an, weil die Gesellschaft ein Gegenmittel gegen eine derartige Verschlimmerung produziert. Wenn die pathologischen Prozesse gesellschaftlich geprägte Formen annehmen, so verlieren sie ihren individuellen Charakter. Ganz im Gegenteil fühlt sich dann das kranke Individuum bei allen ähnlich kranken Individuen in bester Gesellschaft. Die gesamte Kultur ist dann auf diese Art der Pathologie eingestellt und findet Mittel und Wege, die passenden Befriedigungen für diese Pathologie bereitzustellen. Das Resultat ist, dass durchschnittliche Individuen die Abgesondertheit und Isoliertheit nicht empfinden, die der Schizophrene erlebt. Man fühlt sich mitten unter lauter anderen, die an dem gleichen Defekt leiden, recht wohl; tatsächlich ist es der geistig völlig gesunde Mensch, der sich in einer geisteskranken Gesellschaft isoliert fühlt – und er kann so sehr unter seiner Unfähigkeit, mit den anderen in Beziehung zu treten, leiden, dass er nun seinerseits psychotisch wird. ― (1973a: Anatomie der menschlichen Destruktivität, in: Erich-Fromm-Gesamtausgabe (GA) Band VII, S. 323f.)