Bewusstsein

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Das Bewusstsein ist die seelische Tätigkeit in dem Zustand unseres Daseins, in welchem wir uns handelnd mit der Außenwelt beschäftigen. Die Eigenschaften des Bewusstseins sind bestimmt durch das Wesen des tätigen Handelns und die Überlebensfunktion des wachen Zustandes. Das Unbewusste ist das seelische Erleben im Zustand unseres Daseins, in welchem wir alle Verbindungen mit der Außenwelt abgebrochen haben, in dem wir nicht mehr bestrebt sind zu handeln und tätig zu sein, sondern in dem wir uns nur noch mit uns selbst beschäftigen. Das Unbewusste ist ein mit einer speziellen Form unseres Daseins – der Inaktivität – verbundenes Erleben, und seine charakteristischen Merkmale ergeben sich aus dem Wesen dieser Daseinsform. ― (1951a: Märchen, Mythen, Träume. Eine Einführung in das Verständnis einer vergessenen Sprache, in: Erich-Fromm-Gesamtausgabe (GA) Band IX, S. 188.)


Was ist eigentlich unser Bewusstsein? Unser Bewusstsein umfasst all jene menschlichen Wahrnehmungen, deren Bewusstsein uns unsere eigene Gesellschaft erlaubt. Abgesehen von sehr geringen individuellen Unterschieden, sind wir uns gewöhnlich nur dessen bewusst, was unsere Sprache, unsere Logik und die Tabus unserer Gesellschaft zu Bewusstsein kommen lassen. Es gibt so etwas wie einen „gesellschaftlichen Filter“. Nur jene Wahrnehmungen, die diesen gesellschaftlichen Filter passieren dürfen, sind uns bewusst und bilden unser Bewusstsein.

Unser Unbewusstes hingegen ist das Menschsein (humanity), der universale Mensch. Unbewusst ist alles, was menschlich ist, das Gute und das Schlechte, alles, was in jedem anderen existiert, außer jenem schmalen Sektor, der bewusst ist, der die Erfahrung, das Denken und das Fühlen jener Kultur repräsentiert, in die wir ziemlich zufällig geworfen wurden. Unser Unbewusstes ist der ganze Mensch. ― (1992m [1962]: Ein neuer Humanismus als Voraussetzung für die eine Welt, in: Erich-Fromm-Gesamtausgabe (GA) Band XI, S. 565)