Bedürfnisse

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Diejenigen Bedürfnisse, die der Mensch mit dem Tier gemeinsam hat – Hunger, Durst und das Bedürfnis nach Schlaf und sexueller Befriedigung – sind deshalb wichtig, weil sie im chemischen Haushalt seines Körpers wurzeln und übermächtig werden können, wenn sie unbefriedigt bleiben. Aber selbst die volle Befriedigung dieser Bedürfnisse gewährleistet noch nicht die geistige und seelische Gesundheit. Diese hängt von der Befriedigung jener Bedürfnisse und Leidenschaften ab, die spezifisch menschlich sind und den Bedingungen der menschlichen Situation entstammen: des Bedürfnisses nach Bezogenheit, nach Transzendenz, nach Verwurzelung, nach Identitätserleben und nach einem Rahmen der Orientierung und einem Objekt der Hingabe. ― (1955a: Wege aus einer kranken Gesellschaft, in: Erich-Fromm-Gesamtausgabe (GA) Band IV, S. 51)


Welches sind die Bedürfnisse, deren Erfüllung uns Glück bringt? (…) Im großen und ganzen gibt es zwei gegensätzliche Standpunkte in dieser Frage. Der erste, heute fast ausschließlich gültige Standpunkt definiert ein Bedürfnis als etwas völlig Subjektives, als das Streben nach etwas, was ich mir so sehr wünsche, dass ich es als Bedürfnis erlebe und dessen Erfüllung mir Vergnügen bereitet. Bei diesem Definitionsversuch wird nicht nach dem Ursprung dieses Bedürfnisses (…) und auch nicht nach der Wirkung gefragt, welche die Befriedigung der Bedürfnisse auf einen Menschen hat. (…)

Der entgegengesetzte Standpunkt geht von einer grundsätzlichen Unterscheidung aus: Trägt ein Bedürfnis zu Wachstum und „Wohl-Sein“ des Menschen bei oder behindert und schadet es ihm? Diese Sichtweise befasst sich mit solchen Bedürfnissen, die in der Natur des Menschen wurzeln und zu Wachstum und Selbsterfüllung führen. Sie ersetzt die rein subjektive Auffassung von Glück durch eine objektive, normative. Nur die Erfüllung von Wünschen, die im Interesse des Menschen liegen, führt zu Glück. Im ersten Fall sage ich: „Ich bin glücklich, wenn ich möglichst viel Lust erlebe.“ Bei der zweiten Betrachtungsweise sage ich: „Ich bin glücklich, wenn ich das bekomme, was gut für mich ist und mir zu einem Optimum an Wohl-Sein verhilft.“ ― (1989a [1974-75]: Vom Haben zum Sein. Wege und Irrwege der Selbsterfahrung, Erich-Fromm-Gesamtausgabe (GA) Band XII, S. 396f.)