Bedürfnisse, gesellschaftliche; gesellschaftliche Bedürfnisse

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Der Mensch ist nicht nur ein Mitglied einer Gesellschaft; er ist genauso ein Mitglied der menschlichen Rasse, das heißt, es gibt Notwendigkeiten im Menschen, die ziemlich unabhängig von der Gesellschaft existieren. So sehr es stimmt, dass der Mensch so zu leben hat, dass er den Forderungen der Gesellschaft, in der er lebt, gerecht wird, so sehr stimmt es auch, dass die Gesellschaft so konstruiert und strukturiert sein muss, dass sie den Bedürfnissen des Menschen gerecht wird. (…)

Man könnte die gute Gesellschaft definieren als jene Gesellschaft, der es am besten gelingt, den Bedürfnissen der Menschheit, den Bedürfnissen des Menschen gerecht zu werden; die schlechte Gesellschaft hingegen zeichnet sich dadurch aus, dass die Kluft zwischen menschlichen Bedürfnissen und gesellschaftlichen Bedürfnissen groß ist. Es gibt, glaube ich, einen Punkt, an dem der Mensch entweder krank wird und zusammenbricht und mit ihm die Gesellschaft, oder an dem er den Versuch macht, diese Gesellschaft in eine humanere zu verändern. Den Konflikt jedoch wird es immer geben.

Der Konflikt zwischen dem historischen Bedürfnis jeder Gesellschaft, den Menschen zu einem funktionierenden gesellschaftlichen Glied zu machen, und den in den Bedingungen der menschlichen Existenz liegenden menschlichen Bedürfnissen, die den Menschen in seinem Menschsein gelingen lassen, gehört zum Leben eines jeden Menschen. ― (1992f [1956]: Psychische Bedürfnisse und Gesellschaft, in: Erich-Fromm-Gesamtausgabe (GA) Band XII, S. 136.)